In Week 8 lief Brian Thomas Jr. beim 42-7 gegen die Colts im ersten Drive 98 Yards zum Touchdown. Es war sein erster Catch seit Week 4. Zwei Wochen vorher hatte ihn Head Coach Liam Coen in London gegen Houston zur Halbzeit auf die Bank gesetzt, nach einem Drop und einem weiteren Ball, den er hätte fangen müssen. Diese beiden Szenen erzählen ziemlich gut, wo Thomas gerade steht: Das Talent ist noch da, aber kaum jemand weiß, wann es auftaucht.
Für uns Chiefs-Fans ist das mehr als eine Jaguars-Geschichte. Ende Oktober berichtete ESPN-Insider Jeremy Fowler, dass in Jacksonville „etwas passieren muss“, mehrere US-Medien nennen seitdem die Chiefs als möglichen Abnehmer. Die Logik dahinter: Nach dem Saisonaus von Tyquan Thornton fehlt uns ein Receiver für die tiefen Bälle. Ob Thomas dafür der Richtige ist, bezweifle ich allerdings stark, dazu weiter unten mehr.
Thomas kommt aus Walker, Louisiana, und spielte College Football an der LSU. Dort stand er lange im Schatten von Malik Nabers, während Jayden Daniels 2023 die Heisman Trophy gewann. In dieser Saison kam Thomas auf 68 Catches, 1.177 Yards und 17 Touchdowns, mehr Receiving-Touchdowns hatte in der FBS niemand.
Beim Scouting Combine 2024 lief er bei 1,91 Meter Größe die 40 Yards in 4,33 Sekunden. Diese Kombination aus Größe und Speed ist selten. Die Jaguars holten ihn im Draft an Position 23.
Seine Rookie-Saison war außergewöhnlich: 87 Catches, 1.282 Yards und 10 Touchdowns. Nur zwei Spieler der Liga hatten mehr Receiving Yards. Dazu kam die Wahl in den Pro Bowl. Wichtig dabei: Thomas war nicht nur ein Deep-Threat. Er bekam 132 Targets, mehr als doppelt so viele wie der nächste Jaguar, weil Trevor Lawrence, Christian Kirk, Gabe Davis und Evan Engram verletzt ausfielen. Selbst mit Mac Jones als Quarterback kam er in den letzten sechs Spielen auf mehr als zehn Targets pro Partie.
Nach der 4-13-Saison 2024 wurde in Jacksonville fast alles ausgetauscht. Doug Pederson musste gehen, Liam Coen kam als Head Coach, James Gladstone als General Manager. Dazu tradeten die Jaguars im Draft nach oben und holten Travis Hunter an Position 2. Mit dem neuen Coach kam auch ein neues System, und genau darin fand Thomas nie richtig rein.
2025: Schon im Camp passte das Timing mit Lawrence nicht. In den ersten fünf Spielen ließ er fünf Pässe fallen, kickte nach einem Drop einen Ball weg und knallte zweimal seinen Helm auf den Boden. In Week 9 verletzte er sich am Knöchel (High Ankle Sprain) und fiel drei Spiele aus. In dieser Zeit holten die Jaguars Jakobi Meyers, der sofort mit Lawrence funktionierte. Als Thomas zurückkam, war seine Rolle kleiner: Sein Anteil an den Targets sank von 23,4 Prozent in den ersten sechs Spielen auf 15,6 Prozent in den letzten sechs. Am Ende standen 48 Catches, 707 Yards und 2 Touchdowns.
2026: Im Frühjahr und im Camp sah alles nach einem Neustart aus. Coen lobte ausdrücklich seine Hände. In der Saison kam davon wenig an: In sieben Einsätzen hat Thomas 10 Catches für 117 Yards und 2 Touchdowns. In Week 5 fing er zum ersten Mal in seiner Karriere keinen einzigen Ball, in Week 6 kam die Bank in London, in drei Spielen wurde er nur neunmal angespielt. Unter den Jaguars-Receivern ist er nur noch die Nummer vier hinter Parker Washington, Tight End Brenton Strange und Meyers.
Die bittere Zahl: In seinen letzten 21 Spielen hat Thomas 10 Drops und nur 4 Touchdowns.
Die Jaguars selbst wirken ratlos. Thomas sagte im Frühjahr, er habe keine Antwort und brauche einen Neustart. Schaut man genauer hin, gibt es aber ein paar klare Spuren.
Die Mitte des Feldes ist weg. 2024 fing Thomas laut PFF 41 von 47 kurzen und mittellangen Pässen über die Mitte, das sind 87 Prozent. 2025 waren es nur noch 13 von 26, mit fünf Drops. Bei Slants gewann er 2024 so oft gegen seinen Gegenspieler wie kein anderer Receiver der Liga, 2025 kein einziges Mal.
Er wurde zum reinen Deep-Threat. Die durchschnittliche Tiefe seiner Targets stieg in der zweiten Saisonhälfte 2025 von 13 auf 18 Yards. Die kurzen und sicheren Bälle bekamen Washington und Meyers. Tiefe Pässe sind schwerer zu fangen und kommen seltener, also gibt es weniger Gelegenheiten, sich aus einem Tief herauszuspielen.
Nach dem Catch passiert weniger. Seine Yards nach dem Catch fielen von 6,8 auf 3,7 pro Ball. Teilweise wirkte er, als wolle er Kontakt vermeiden.
Verletzungen. Ein harter Hit im ersten Preseason-Spiel 2025, eine Handgelenksverletzung in Week 2, mit der er weiterspielte, dann der Knöchel. Gerade das Handgelenk könnte die vielen Drops zu Beginn erklären. Nach seiner Rückkehr ließ er 2025 nur noch einen Ball fallen.
Der Kopf. Die Wutausbrüche, die Bank, die Trade-Gerüchte: Bei einem Receiver, der von Selbstvertrauen lebt, verstärkt sich so ein Tief schnell selbst.
Wichtig dabei: Mit Ausnahme der Verletzungen hat nichts davon mit körperlichem Verfall zu tun. Thomas ist 24 Jahre alt, sein Speed ist weiter da, das zeigt der 98-Yard-Touchdown.
Offiziell sagt Jacksonville, man gebe Thomas nicht auf. Gladstone nannte Berichte, man biete ihn an, im Frühjahr „fraudulent claims“. Seit der Bank in London sind die Gerüchte aber zurück. Laut ESPN könnte Thomas Teil eines Pakets für einen Defensive Lineman werden, weil Nose Tackle DaVon Hamilton mit einem Quadrizepsriss für die Saison ausfällt.
In den US-Medien wird Thomas fast immer als Ersatz für Thornton gehandelt, also als großer, schneller Deep-Threat außen. Genau das wäre aus meiner Sicht der falsche Plan. An seiner Qualität bei tiefen Bällen gibt es klare Zweifel: Als die Jaguars ihn 2025 in die Tiefe geschoben haben, wurden seine Zahlen nicht besser, sondern schlechter. Seine besten Momente hatte er 2024 im intermediate Bereich, bei Slants und Routen nach innen zwischen 10 und 20 Yards. Holen wir ihn als reinen Deep-Threat, wiederholen wir Jacksonvilles Fehler.
Bei uns müsste Thomas deshalb eine andere Rolle bekommen: der X-Receiver außen, der vor allem im mittleren Bereich angespielt wird und von dort mit seinem Speed nach dem Catch Yards macht. Das passt zu Andy Reids Offense, die viele dieser Routen spielt. Das Risiko dabei: In der Mitte sind schon Rashee Rice und Travis Kelce. Dazu kommt Xavier Worthy, der die Rolle bisher einnimmt.
Was ist eigentlich mit Worthy? Der liefert gerade schlicht kein Ergebnis: Nach 41 Targets kommt er laut unseren Zahlen aus dem Podcast nur auf 5,6 Yards pro Target und einen negativen EPA-Wert. Ich würde ihn deshalb zum Gadget-Player machen, mit Jet Sweeps, Screens, Motion und gezielten Shots, statt ihn weiter als WR2 einzuplanen. Emmett Johnson ist mit seiner Leistung der letzten Wochen dort dann sein Konkurrent.
Vertrag: Thomas spielt noch auf seinem Rookie-Vertrag, der über vier Jahre rund 14 Millionen Dollar wert ist. Im Frühjahr 2027 muss sein Team entscheiden, ob es die Option auf ein fünftes Jahr zieht. Ohne Option wäre er im Frühjahr 2028 Free Agent. Ein Trade wäre also kein Risiko für Jahre, sondern ein vergleichsweise günstiger Versuch mit bis zu zweieinhalb Jahren Kontrolle.
Was dafür spricht:
Er ist erst 24 und körperlich unverändert: Größe und Speed lassen sich nicht trainieren, er hat beides.
Seine beste Saison spielte er in einer kaputten Offense mit Mac Jones als Quarterback. Das Talent ist also nicht an perfekte Umstände gebunden.
Das Drop-Problem war zumindest zwischenzeitlich gelöst. Nach seiner Rückkehr Ende 2025 ließ er nur noch einen Ball fallen, und im Camp 2026 sah es lange gut aus.
Ein Teil des Absturzes ist Rolle, nicht Können: In Coens System bekommen andere die kurzen Bälle in der Mitte, Thomas bleiben die schwierigen tiefen.
Was dagegen spricht:
21 Spiele sind kein Formtief mehr, sondern ein Muster.
Die Zahlen über die Mitte und bei Slants sind nicht nur schlechter geworden, sie sind eingebrochen. Das deutet darauf hin, dass ihm Verteidiger inzwischen anders begegnen und er darauf keine Antwort gefunden hat.
Das Selbstvertrauen ist sichtbar angeknackst. Und bei einem Trade müsste er mitten in der Saison ein neues Playbook lernen.
Mein Fazit: Ich glaube, dass Brian Thomas Jr. wieder richtig gut werden kann, und zwar eher bei einem neuen Team als in Jacksonville. Ein Receiver, der mit Mac Jones als Quarterback 1.282 Yards fängt, verlernt das nicht mit 24 Jahren. Aber nur in der richtigen Rolle.
Als Deep-Threat habe ich klare Zweifel an ihm, die Zahlen aus Jacksonville sprechen da eine deutliche Sprache. Im intermediate Bereich, wo er 2024 die Liga dominiert hat, traue ich ihm dagegen viel zu. Wenn Andy Reid ihn so einsetzt und Worthy zum Gadget-Player macht, halte ich ein Comeback für wahrscheinlicher als das Gegenteil, für 2027 auch wieder mit einer 1.000-Yard-Saison.
Unter dieser Bedingung würde ich zuschlagen, auch für einen Zweitrunden-Pick. Holen wir ihn dagegen nur als Ersatz für Thornton, wird er bei uns genauso scheitern wie in Jacksonville.
Eure Meinung: Würdet ihr Brian Thomas Jr. holen? Und was wäre er euch wert? Schreibt es mir in die Kommentare.








