Als wir die Broncos im September an der Arrowhead mit 31-10 nach Hause geschickt haben, sah das nach einer klaren Rangordnung in der AFC West aus. Sieben Wochen später ist davon nicht mehr viel übrig. Denver hat seitdem fünf von sechs Spielen gewonnen, zuletzt dreimal in Folge, und steht bei 5-2. Wir stehen bei 5-1, nach dem 3-20 in Seattle, einem der schwächsten Offense-Auftritte der Mahomes-Ära.
Heißt: Wer heute Abend gewinnt, führt die Division zur Saisonhälfte an. Und die Broncos wissen genau, was auf dem Spiel steht. „This one is important to us“, sagte Bo Nix diese Woche. Dazu kommt die Woche, die die Chiefs hinter sich haben: ein neuer Kicker im Practice Squad, zwei Cornerbacks weg, kurzfristig Roster-Moves am Samstag.
Bevor wir zu den Leitfragen kommen, deshalb heute zuerst ein ausführlicher Blick auf das Roster.
Kickoff ist um 22:25 Uhr deutscher Zeit im Empower Field at Mile High.
Mansoor Delane fällt aus
Unser Erstrunden-Pick ist für Sonntag out. Delane hatte sich am Mittwoch im Training an der Schulter verletzt, stand am Freitag noch als questionable im Injury Report, wurde am Samstag vor dem Abflug nach Denver aber herabgestuft.
Die Schulter ist kein neues Thema. Schon im Sommer trug Delane im Training Camp das gelbe Non-Contact-Trikot, im Saisonauftakt gegen genau diese Broncos musste er mit derselben Verletzung raus und verpasste anschließend Week 2. Defensive Coordinator Steve Spagnuolo sprach im Camp davon, man wolle ihn „vor sich selbst schützen“.
Zur Einordnung: Die Chiefs sind im Draft von Platz 9 auf Platz 6 hochgetradet, um Delane zu holen. Er ist unser höchster Draftpick seit Eric Fisher 2013. In seinen fünf Spielen kommt er auf 27 Tackles, eine Interception und fünf verteidigte Pässe. Gegen Jaxon Smith-Njigba hatte er in Seattle allerdings einen schweren Abend, darüber hat er diese Woche auch offen gesprochen. Für mich ist das normal für einen Rookie-Cornerback. Beunruhigender finde ich, dass die Schulter jetzt zum dritten Mal Thema ist.
L'Jarius Sneed kommt auf die Injured Reserve
Die zweite schlechte Nachricht kam ebenfalls am Samstag: Sneed wurde auf die Injured Reserve gesetzt und fällt damit mindestens vier Spiele aus. Sein Knie macht seit dem Sommer Probleme, zuletzt stand er zwei Wochen hintereinander als questionable im Report.
Sneed war im Juni für ein Jahr zurückgekommen, seine zweite Zeit in Kansas City. Bisher stand er bei 63 Prozent der Defensive Snaps auf dem Feld. Er war also kein Ersatzspieler, sondern fester Teil der Rotation. Mit ihm fehlt Erfahrung, die man in einem Divisionsspiel auswärts gut gebrauchen könnte.
Was das für die Defense heißt, schauen wir uns unten in Leitfrage #1 an.
Rashee Rice und Jaylon Moore sind zurück
Jetzt die guten Nachrichten: Rice hat am Freitag voll trainiert und trägt keinen Status mehr. Er hatte sich in Week 4 am Oberschenkel verletzt und seitdem zwei Spiele verpasst. In den ersten vier Spielen kam er auf 13 Catches für 190 Yards und einen Touchdown, in Week 2 und Week 3 jeweils mit mehr als 80 Yards.
Ebenso wichtig ist Right Tackle Jaylon Moore, der nach seiner Gehirnerschütterung wieder voll dabei ist. In Seattle musste Josh Ezeudu ihn vertreten, und das lief nicht gut. Dass Moore zurückkommt, ist für Mahomes mindestens so wertvoll wie die Rückkehr von Rice.
Travis Kelce (Knöchel) hat am Donnerstag nur eingeschränkt trainiert, am Freitag aber wieder voll. Das sah eher nach geplanter Pause aus.
CB Melvin Smith – Er ersetzt Sneed im aktiven Kader. Smith kam 2025 als Undrafted Free Agent von der kleinen Southern Arkansas University nach Kansas City und stand Ende der letzten Saison schon einmal im aktiven Kader, ohne aber ein Spiel zu machen. Bei den Cuts im August wurde er entlassen, einen Tag später von den Titans geclaimt und vor Week 1 wieder entlassen. Seit dem 16. September ist er zurück im Practice Squad der Chiefs. Ein NFL-Snap in der Regular Season steht noch aus. Ich erwarte ihn vor allem in den Special Teams.
DE Tyreke Smith – Er wurde für Sonntag aus dem Practice Squad hochgezogen (eine sogenannte Standard Elevation). Smith kommt von Ohio State und wurde 2022 von den Seahawks in der fünften Runde gedraftet. Bei den Chiefs war er schon in Week 3 in Miami hochgezogen, damals aber inaktiv. Er ist vor allem eine Absicherung für Rookie R Mason Thomas, der am Freitag aus privaten Gründen fehlte und getrennt vom Team nach Denver reist. Laut Matt Derrick von Chiefs Digest dürfte Thomas' Status wegfallen, sobald er in Denver ist. Eine weitere Elevation bleibt Smith danach noch.
K Justin Tucker – Die größte Personalie der Woche. Die Chiefs haben am Mittwoch den langjährigen Ravens-Kicker in den Practice Squad geholt. Tucker hat seit 2024 nicht mehr in der NFL gespielt, 2025 wurde er nach Vorwürfen abseits des Feldes von der Liga für zehn Spiele gesperrt. Sportlich war er über Jahre einer der besten Kicker der Liga. Laut Special Teams Coordinator Dave Toub hat er im Probetraining alle 30 Kicks verwandelt, darunter sieben über 50 Yards und einen aus 60 Yards.
Toub stellte aber klar: „Butker is our kicker. We're trying to get Butker right.“ Tucker soll also vor allem Konkurrenz und Ansprechpartner sein. Für Sonntag wurde er nicht hochgezogen, in Denver kickt also Butker. Butker hat in dieser Saison nur 68 Prozent seiner Field Goals getroffen, in Seattle eines von drei. Im ersten Training mit Tucker daneben ging er laut Toub bei Böen von 28 Meilen pro Stunde 10 von 10. Das klingt gut, ein Training ist aber kein Spiel.
Außerdem aus der Vorwoche: Running Back Jaydn Ott wurde aus dem Practice Squad in den aktiven Kader befördert, nachdem Brashard Smith auf die Injured Reserve musste. Receiver Andrew Armstrong bekam ebenfalls einen Vertrag für das aktive Roster, Linebacker Cooper McDonald ist von der Injured Reserve zurück. Josh Simmons sitzt weiter auf der Injured Reserve, Defensive Tackle Omarr Norman-Lott trainiert zwar wieder, ist für Sonntag aber noch out.
Kansas City Chiefs
Out: CB Mansoor Delane (Schulter)
Out: DT Omarr Norman-Lott (Knie, Injured Reserve)
IR: CB L'Jarius Sneed (Knie)
Questionable: DE R Mason Thomas (privat, reist separat an)
Ohne Status: WR Rashee Rice (Oberschenkel/Knie), RT Jaylon Moore (Gehirnerschütterung), TE Travis Kelce (Knöchel), QB Patrick Mahomes (Knie)
Denver Broncos
Out: RB RJ Harvey (Knie)
Out: S Talanoa Hufanga (Knöchel)
Questionable: DL Zach Allen (Oberschenkel), OT Garett Bolles (Hüfte), S Brandon Jones (Oberschenkel), WR Jaylen Waddle (Brust)
Ohne Status: CB Pat Surtain II (Knöchel) – kehrt nach seiner Verletzung aus Week 4 zurück
Bei den Broncos fehlen damit womöglich beide Starting Safeties. Das ist eine Chance für unsere Offense, gerade für Kelce in der Mitte des Feldes. Dafür ist Surtain zurück, einer der besten Cornerbacks der Liga, und Edge Rusher Jonathon Cooper, der Week 1 noch wegen einer Sperre verpasst hatte.
Wer diese Woche Broncos-Medien liest, merkt schnell: In Denver ist die Zuversicht groß. Bei Mile High Huddle, der Broncos-Seite von Sports Illustrated, haben zehn Autoren ihren Tipp abgegeben. Neun davon tippen auf die Broncos, meist knapp, zwischen 20-17 und 27-21. Nur James Campbell sieht uns vorne, und zwar deutlich mit 31-14. Seine Begründung: Die Broncos hätten „fundamental flaws“, und Kelce sowie Kenneth Walker würden gegen Denvers Linebacker die Big Plays liefern, die der Broncos-Offense fehlen.
Bei Mile High Report ist das Bild ähnlich. Tim Lynch und Ian St. Clair tippen beide auf 24-20 für Denver, Christopher Hart ebenfalls auf einen Broncos-Sieg. Für Lynch ist es ein „must-have game“: Bei einer Niederlage hätten die Chiefs alle Tiebreaker in der Hand, und das Rennen um die Division wäre so gut wie gelaufen.
Die Fans sind noch selbstbewusster. Bei der Tipp-Runde von Mile High Report haben mehr als 50 Leser mitgemacht, fast alle tippen auf Denver. Ein einziger tippt klar auf die Chiefs. Der Schnitt aller Tipps: 25-17 für die Broncos. Einzelne Tipps wie 54-11 oder 63-3 lassen wir mal unkommentiert.
Wieso so viel Optimismus? Drei Argumente tauchen immer wieder auf:
Der Heimvorteil. Seit Sean Payton Headcoach in Denver ist, haben die Broncos zu Hause nicht mehr gegen die Chiefs verloren, betont Chad Jensen von Mile High Huddle. Bo Nix ist zu Hause gegen uns 2-0. Dazu kommt, dass die Broncos uns in der letzten Saison zweimal geschlagen und nach knapp einem Jahrzehnt Chiefs-Dominanz die AFC West gewonnen haben.
Week 1 war ein Ausrutscher. In Denver gilt das 10-31 als Tackling-Problem. Die Broncos hatten damals laut Mile High Huddle eine Missed-Tackle-Quote von 29,8 Prozent. Defensive Coordinator Vance Joseph hat diese Woche ausdrücklich betont, dass man Walker stoppen muss.
Seattle als Vorbild. Lance Sanderson schreibt: Wer Walker stoppt, nimmt der Chiefs-Offense fast alles, weil uns die Skill-Position-Spieler fehlen, um das konstant zu bestrafen. Für ihn hat Seattle letzte Woche die Blaupause geliefert.
Ganz ohne Zweifel ist man in Denver aber auch nicht. Zack Kelberman tippt zwar auf 20-19 für die Broncos, schreibt aber, er habe sich an diesem Herd schon oft genug verbrannt. Nick Kendell glaubt, das Spiel könnte am Ende davon abhängen, welches Team gesünder ist. Ausgerechnet bei diesem Punkt hat sich die Lage am Samstag zu unseren Ungunsten verschoben.
Interessant finde ich, dass die Buchmacher das anders sehen als Broncos Country: Bei FanDuel sind wir mit 1,5 Punkten leicht favorisiert, die Over/Under-Linie liegt bei 40,5 Punkten. Erwartet wird also ein enges Spiel mit wenigen Punkten. Und auch Sean Payton bremst: Ein „must-win“ sei das Spiel nicht, die Saison sei noch lang. Ein Sieg mache den Weg zum Divisionstitel aber „easier“. Für Payton wäre es nebenbei der 200. Sieg als Headcoach, in seinem 300. Spiel der Regular Season.
Das ist für mich die wichtigste Frage des Spiels. Mit Kristian Fulton und Nohl Williams bleiben uns außen zwei Cornerbacks, im Slot dürften Jadon Canady und Christian Roland-Wallace spielen. Dahinter wird es dünn, Melvin Smith hat noch keinen Snap in der Regular Season gespielt.
Auf der anderen Seite stehen Courtland Sutton und, falls er spielen kann, Jaylen Waddle. Das ist ein Receiver-Duo, das eine dünne Secondary bestrafen kann.
Aber: Die Broncos-Offense hat bisher wenig Gefahr ausgestrahlt. Mit 270 Yards pro Spiel liegt sie auf Platz 30, beim EPA pro Spielzug (Expected Points Added, also wie viele Punkte ein Spielzug im Schnitt bringt) auf Platz 23. Unsere Defense ist dagegen die fünftbeste der Liga nach EPA. Für mich heißt das: Spagnuolo kann es sich leisten, mehr Hilfe von den Safeties zu holen, ohne dass Denver das sofort ausnutzt.
Hier liegt unsere größte Schwäche. Die Chiefs haben in dieser Saison erst acht Sacks, das ist Platz 29. Bei den Pressures liegen sie auf Platz 26. In Seattle gab es null Sacks und nur zwei QB-Hits. Kein Spieler hat mehr als einen Sack, George Karlaftis kommt immerhin auf 15 QB-Hits.
Das Gute: Gegen Denver lief es im September besser. Nix wurde damals viermal gesackt, einen davon holte Rookie R Mason Thomas. In den sechs Spielen danach wurde er insgesamt nur fünfmal zu Boden gebracht.
Nix selbst ist schwer einzuordnen. Er hat erst drei Interceptions geworfen, bringt aber nur 59,2 Prozent seiner Pässe an und kommt auf 182 Passing Yards pro Spiel. Gefährlich wird er mit den Beinen: Gegen Arizona lief er 62 Yards zum Touchdown, Franchise-Rekord für einen Quarterback. Sollte Garett Bolles an Left Tackle ausfallen, ist das unsere Chance, über die Edge zu kommen. Wichtig ist dabei, dass unsere Rusher die Pocket kontrollieren und Nix nicht nach außen entkommen lassen.
Drei Punkte in Seattle waren ein Tiefpunkt. Trotzdem lohnt der Blick auf die ganze Saison: Nach EPA pro Spielzug liegt unsere Offense auf Platz 7, im Laufspiel sogar auf Platz 1. Mahomes wird nur bei 3,3 Prozent seiner Dropbacks gesackt, der drittbeste Wert der Liga.
Aber: Das hat auch damit zu tun, dass kaum ein Team so kurz wirft wie wir. Und Denver bringt einen Passrush mit, der in dieser Saison schon 21 Sacks gesammelt hat, mehr als jedes andere Team. Mit Moore an Right Tackle und Kahlil Benson an Left Tackle wird es darauf ankommen, ob die Line die Edge Rusher lange genug aufhält.
Rice ist dabei der Schlüssel. Mahomes sagte diese Woche über ihn: „He's such a physical receiver.“ Rice findet in Zone-Coverage die Lücken und setzt sich gegen Manndeckung körperlich durch. Gerade gegen Man-Coverage, also Manndeckung, hatten wir zuletzt große Probleme. Mit Surtain auf der anderen Seite wird es spannend, wen Denver auf Rice ansetzt.
Laut Arrowhead Pride lässt Denvers Defense nur 33 Prozent der Third Downs zu, Platz 2 der Liga. Die eigene Offense ist mit 31 Prozent dagegen eine der schwächsten. Unsere Offense liegt mit 39 Prozent im Mittelfeld, unsere Defense lässt mit 43 Prozent ungewöhnlich viele zu. In Seattle sind wir genau daran gescheitert, auf beiden Seiten.
Für mich entscheidet sich hier das Spiel. Wenn unsere Defense Denver bei Third Down vom Feld bekommt, braucht die Offense keine 30 Punkte.
Ein Kicker als Leitfrage, das ist selten ein gutes Zeichen. Aber in einem Spiel, das selbst der Kollege von Mile High Report für eine knappe Partie bis ins vierte Viertel hält, kann ein Field Goal den Unterschied machen. Und in Denver fliegt der Ball in der Höhenluft bekanntlich weiter. Das hilft Butker, nimmt ihm aber auch jede Ausrede.
Ich habe es im Podcast schon gesagt: Ich tippe diesmal auf eine Niederlage.
Das Spiel wird deutlich enger als im September. Die Broncos sind zu Hause, motiviert und haben mit Jonathon Cooper und Pat Surtain zwei wichtige Spieler zurück. Vor allem aber fehlen uns mit Delane und Sneed zwei Cornerbacks, und dahinter ist die Secondary dünn. Sobald Sutton und Waddle Tempo machen, wird es schwer.
Aber: Diese Broncos-Offense hat bisher nicht gezeigt, dass sie Schwächen konstant ausnutzen kann. Mit Rice und Moore ist unsere Offense deutlich besser besetzt als in Seattle. Ein Sieg ist also absolut drin, ich sehe Denver nur leicht vorne.
Am Ende verlieren wir knapp mit 20-24.
Wie glaubt ihr, geht das Spiel aus? Und wie viel Vertrauen habt ihr noch in Butker? Schreibt es mir in die Kommentare.


















