Unser Draft-Board: Warum Pick #9 die Chiefs wieder zum Super-Bowl-Kandidaten macht
Zwei Tage noch. Am Freitagmorgen deutscher Zeit ruft Roger Goodell in Pittsburgh den ersten Namen auf, und unsere Chiefs sitzen in diesem Draft so früh wie seit Jahren nicht mehr. Pick #9 in Runde eins – das ist für uns kein Geschenk, sondern die Quittung für eine Saison, die wir alle lieber hinter uns lassen.
Die gute Nachricht: Dieses Board gibt uns alle Werkzeuge in die Hand, um unsere Chiefs wieder dorthin zu bringen, wo sie hingehören. In der letzten Podcastfolge haben wir unsere Wunschliste runtergebrochen – Pick für Pick, Runde für Runde. Hier könnt ihr die Liste nachlesen:
Vorneweg: Was haben wir anders gemacht?
Kurze Einordnung vorweg, weil das wichtig ist: Wir reden nicht über den Mock Draft, den 99 Prozent aller Experten für uns bauen. Ich glaube, dass Brett Veach in dieser Offseason viel mutiger agieren wird, als die Pressekonferenzen vermuten lassen.
Unsere Baustellen sind klar: ein echter zweiter Pass Rusher neben Karlaftis, ein neuer CB1 nach dem McDuffie-Trade, die Offensive Line, die uns im Super Bowl vor 1,5 Jahren chancenlos gelassen hat. Und wir wollen auch endlich eine belastbare Tight-End-Option jenseits von Travis aufbauen. Dieses Board adressiert genau das. Der Reihe nach:
#9 – Rueben Bain Jr., EDGE, Miami: Der Mann für die Trenches
Okay, ich gebe zu: Beim Namen Bain für Pick #9 habe ich kurz gezögert. Nicht wegen des Spielers – wegen der Länge. 6’2”, 263 Pfund, Arme unter 31 Zoll. Das sind T-Rex-Maße für einen Top-10-EDGE. Aber: Bain war 2025 ACC Defensive Player of the Year, hat den Ted Hendricks Award als bester Defensive End des Landes geholt und ist Consensus-All-American geworden.Was meine ich damit? Die Produktion ist da. Der Charakter auch.
Bain ist der Typ EDGE, den Steve Spagnuolo in seinen Konzepten liebt. Er kann Outside rushen, in Nickel-Paketen nach innen ziehen und dort Guards in den Quarterback schieben. Der Vergleich mit dem Hall of Famer Dwight Freeney ist nicht aus der Luft gegriffen – Bain hat ein elitäres Get-off, exzellenten Bend um den Tackle und spielt mit überdurchschnittlichem Hebel im Run Game. Für ein Defensive-Line-Rotations-Konzept, in dem wir auch mal mit vier Verteidigern an der Line Druck ohne Blitz erzeugen wollen, ist das Gold wert. Etwas, das wir im letzten Jahr nicht geschafft haben. Nie.
Ich weiß, was ihr jetzt denkt: Aber die Arme! Die Arme. Ja. Das ist real. NFL-Tackles mit 35-Zoll-Reichweite werden ihn länger auf Abstand halten, als College-Tackles das konnten. Aber wir holen an Pick #9 keinen Außenseiter – wir holen einen Spieler, der mit Hand-Technik, Get-off und Power gewinnt. Das sind Werkzeuge, die mit jedem NFL-Jahr besser werden, nicht schlechter.
Mein Tipp: Bain startet seine Rookie-Saison als “Backup” auf dem Papier und ist spätestens ab Woche 6 unser produktivster Pass Rusher. Da bin ich mir sehr sicher. Der funktioniert sehr, sehr schnell.
#29 – Colton Hood, CB, Tennessee: Der Ersatz für McDuffie, den wir verdient haben
Jetzt wird es interessant. Hood ist für mich einer der unterschätztesten Namen auf diesem Board. Drei Colleges (Auburn, Colorado, Tennessee), aber die Saison 2025 in Knoxville war das, was man eine legitime Breakout-Kampagne nennen würden. Hood hat im letzten Jahr am College 50 Tackles, 4.5 TFLs, acht Pass-Breakups, einen Pick Six gegen Mississippi State und einen Fumble-Return-Touchdown gegen Syracuse auf Snap eins der Saison aufgelegt. Und dann das Combine: 4.44 im 40, 40.5-Zoll-Vertical. Ein Traum!
Was ich an Hood liebe: Er ist ein Press-Man-Bully. Er legt dir beim Snap die Hände auf und entscheidet, wo du hinlaufen darfst. Für unsere Defense, die unter Spagnuolo zunehmend mit Press-Man-Konzepten arbeitet, ist das ein Fit wie die Faust aufs Auge. Er kommt runter, unterstützt im Run, und – das ist wichtig – er erzeugt Turnovers. Hood war der erste SEC-Spieler seit 2019, der in derselben Saison sowohl eine Interception als auch einen Fumble zum Touchdown zurückgetragen hat. Das schmeckt doch!
Denn: Was wir nach dem Abgang auf der Cornerback-Position wirklich brauchen, ist kein durchschnittlicher Nickel-Tüftler, sondern ein Boundary-Corner mit Haltung. Hood spielt so. Onkel Roderick war acht Jahre NFL-Profi. Das Blut ist im Spiel. Für mich wäre Hood an #29 ein Steal.
#40 – Kadyn Proctor, OT, Alabama: 352 Pfund Punkt, Komma, Strich
Jetzt wird es spannend – und ich weiß, hier werden einige von euch aufstehen und Widerspruch einlegen. Zurecht. Proctor ist ein Projekt. Ein 6’7”-, 352-Pfund-Projekt, das sich selbst einmal zu Iowa und wieder zurück nach Tuscaloosa transferiert hat, weil Nick Saban in Rente ging. Es gibt ein virales Video, in dem er während einer Highschool-Trainingseinheit alleine einen Ford F-150 schiebt. Das sollte alles sagen.
Für Pick #40 halte ich das aber für einen kalkulierten Move mit Potential. Warum? Weil wir uns alle noch an den Super Bowl erinnern, in dem die Eagles-Defense unsere Pocket in 2.1 Sekunden pulverisiert hat. Weil Joe Thuney nicht mehr da ist. Weil die Interior Line eine langfristige Planung braucht. Proctor ist im Run Game eine Maschine im besten Sinne: Er kann Defensive Linemen aus der Line of Scrimmage schieben, Second-Level-Blocks abliefern und zeigt echte Power aus dem Oberkörper in Short-Yardage-Situationen.
Die Pass-Protection ist schwer einschätzen – das zeigt sein Tape sehr klar. Aber: Andy Reid und Andy Heck haben schon andere junge O-Liner zu Brauchbarem entwickelt. Und ehrlich? Ich glaube, Proctor ist langfristig auch als Left Guard denkbar auf NFL-Level.
Da passt sein Profil (kurze Arme für einen Tackle, unglaubliche Power, schwacher Lateral-Move) viel besser hin. Aber gleichzeitig gibt es uns auch Potential als Alternative für einen Starting Tackle, wenn er abnimmt und beweglicher wird. Finde ich an Pick #40 ein gutes Fund.
#74 – Oscar Delp, TE, Georgia: Der legitime Nachfolger-Kandidat
Hier kommt der Pick, der mir in der Folge am meisten Spaß gemacht hat. Oscar Delp ist nicht Travis Kelce. Das sagt niemand. Aber Delp ist genau der Tight-End-Typ, der neben einem alternden Kelce (oder spätestens ab 2027 ohne Kelce) unser Playbook in Funktion hält. 6’5”, 245 Pfund, und ein sub-4.50 am Pro Day, 38-Zoll-Vertical und ein 9.83 Relative Athletic Score. Das sind Werte, die Andy Reid bei Tight Ends liebt.
Was meine ich damit? Delp wurde in Athens mehr als Blocker eingesetzt, als er hätte Receiver sein müssen. Vier Jahre hinter Brock Bowers und im Run-heavy-Scheme von Kirby Smart – trotzdem 41 Catches für 509 Yards in seinen letzten beiden Saisons als primärer TE. Keine sensationelle Produktion, aber sichtbares Potential.
Aber: Das Tape erzählt eine andere Geschichte. Delp ist ein dynamischer Athlet mit gutem Antritt, schnellen Moves und echtem Tempo, um Linebacker in der Mitte des Feldes zu schlagen. Er läuft vertikale Routen, die wir von Travis Kelce kennen. Er kann im Block die Edge versiegeln und Mahomes Zeit kaufen. Und er ist nach dem Catch im offenen Feld gefährlich.
In einer Offense mit Mahomes, die Delp 60 bis 70 Targets in Jahr eins gibt, habe ich keinen Zweifel, dass er auf 500+ Yards und 5 bis 6 Touchdowns kommt. Das ist kein 1.000-Yard-Tight-End zum Start. Aber er ist ein legitimer Tight End 2 ab Tag eins und ein Tight End 1 ab 2027. Mein Tipp: Wenn Delp bis Pick #74 fällt, haben wir unseren neuen Kelce-Kumpel.
#109 – Daylen Everette, CB, Georgia: Doppelt genäht hält besser
Runde 4 und wir holen den zweiten Cornerback: Everette war ein 5-Sterne-Rekrut, der in Georgia nie ganz den finalen Schritt gemacht hat, aber einen NFL-Körper und eine 4.38-Zeit auf den Platz bringt. Scouts sehen in ihm einen legitimen NFL-Starter – mit noch viel Arbeit, um dorthin zu kommen.
Was Everette für uns zu einem interessanten Day-3-Pick macht: Er ist ein Zone-Corner, der in Cover 3 aufblüht. Das ist genau das Basis-Konzept, auf dem die Spagnuolo-Defense aufbaut. Er hat die Länge, den Speed und das Tape aus einer Top-College-Liga.
Was ihm fehlt: Konsistenz, eine weichere Hüfte und Ball-Skills bei Contested-Catches. Everette erlaubte in seiner Karriere fast 60 Prozent seiner Targets den Catch und gab in beiden Starter-Saisons jeweils drei Touchdowns ab. Das ist nicht gut und bedeutet Entwicklungsarbeit. Aber wird sind auch nicht mehr in Runde 1 oder 2.
Everette als CB3 oder CB4 auf dem Depth Chart, der sich in Jahr zwei nach vorne arbeitet? Das macht Sinn und gibt uns von Anfang an Optionen für die nächsten Jahre.
#148 – Patrick Payton, EDGE, LSU: Der Jetzt-muss-er-nur-liefern-Pick
Payton ist die Definition eines “Der hat alles, aber funktioniert noch nicht”-Edge-Rushers – 6’6”-Frame, ewige Arme, aber die bisherige Unfähigkeit, die Traits in Sack-Produktion umzumünzen.
Ein einziger Sack in 13 Starts bei LSU 2025 – das ist eine Zahl, die man nicht wegdiskutieren kann. Der Transfer aus Florida State, der das Breakout-Jahr liefern sollte, wurde zu einem Reinfall. Und trotzdem bin ich für Pick #148 komplett an Bord.
Warum? Weil ich an die Tools glaube. 6’5”, riesige Arme, starker Bend um den Tackle, was in seiner Gewichtsklasse außergewöhnlich ist. Payton hat in Tallahassee 2023 eine Saison mit 14.5 TFLs und 7 Sacks gespielt und war da einer der besten EDGE-Prospects des Landes, bevor er nach Baton Rouge ging. Das Talent ist nicht weg. Es ist nur verschüttet.
In einer Rotation hinter Bain, Karlaftis und den bestehenden Jungs kann Payton ohne Druck lernen. Er muss nicht Day 1 starten. Er muss seine Hand-Technik und seinen Counter-Move entwickeln. Für Pick #148 ein Shot auf einen Spieler, der mit dem richtigen D-Line-Coach in Jahr drei eine 8-Sack-Saison liefern kann. Für mich ein Weg wie Mike Danna in den letzten Jahren.
#169 – Jimmy Rolder, LB, Michigan: Der Andy-Reid-Guy
Jetzt kommt mein persönlicher Lieblingspick dieses Mocks. Ohne Witz. Rolder ist der Typ Spieler, den Andy Reid liebt und den wir brauchen. 6’2,5”, 238 Pfund, 9.53 Relative Athletic Score, Tackling-Technik lehrbuchhaft, nur 4.7 Prozent Missed-Tackle-Rate in 2025. Das sind die Zahlen eines Special-Teams-Kapitäns und eines Weakside-Starters in spe.
Was meine ich damit? Rolder hatte nur 11 Starts in seiner gesamten Michigan-Karriere. Aber als er 2025 endlich den Job hatte, hat er ihn genutzt: 73 Tackles, 7 TFL, 2 Sacks, 1 Interception, Second-Team All-Big Ten. Dane Brugler vom Athletic hat ihn als elftbesten Linebacker der Klasse mit einer Viertrunden-Note. Wir holen ihn zwei Runden später. Das wäre grandioses Value.
Für mich fügt sich Rolder direkt in unsere LB-Rotation mit Nick Bolton und Leo Chenal ein – als Backup und Special-Teams-Ass ab Tag eins. Spielt er sich in einer Saison nach vorne? Möglich. Wird er unser bester Coverage-LB? Nein – da fehlt ihm die Länge und die Hüfte. Aber die Mentalität, die Tackling-Technik und der Charakter sind Pro-Bowl-Level. Das ist ein Pick, den man ein Jahr nach dem Draft gerne auf seinem Board stehen hat.
#176 – Jalon Kilgore, Nickel, South Carolina: Das Schweizer Taschenmesser
Kilgore ist für mich der interessanteste Pick auf diesem Board nach Bain. Warum? Weil er ein Positions-Chamäleon ist, und Spagnuolo solche Spieler fuchsteufelwild liebt. 6’1”, 211 Pfund, hat in South Carolina als Nickel, Box-Safety, und WILL-Linebacker gespielt – und war 2024 Co-Leader der SEC in Interceptions.
Für unsere Defense heißt das: Kilgore kann auf dem Feld an fünf verschiedenen Stellen stehen, ohne dass die Offense es sofort liest. Er kann gegen Tight Ends im Slot presseln (seine beste Rolle und ein Schwachpunkt von uns z.B. gegen die Bills), er kann in der Box den Run unterstützen, er kann in die Safety-Coverage zurückrollen. Das passt unfassbar gut.
Was Kilgore limitiert: langsame Hüfte, Probleme in tiefen Vertikalen, wenn er mit schnelle Receivern mitlaufen muss. Und er tut sich mit Change of Direction gegen schnelle Slot-Receiver schwer. In einer Spags-Defense ist das aber deutlich weniger relevant, weil wir ihn selten in isoliertes Man Coverage auf einem Speedster schicken würden.
Als Nickel in bestimmten Packages, als dritter Safety neben Bryan Cook und Chamarri Conner, als gelegentlicher Linebacker-Hybrid gegen 12-Personnel-Packages: perfekt. Pick #176 für diesen Fit? Das ist kein Schnäppchen – das ist Diebstahl.
#210 – Lorenzo Styles Jr., S, Ohio State: Das Lotterielos
Zum Abschluss noch ein Shot auf den pfeilschnellsten Safety dieses Drafts. Styles Jr. hat in Indianapolis eine 4.27 im 40 Yard gelaufen – die schnellste Zeit eines Safeties beim Combine seit mindestens 2003. Ohne Witz.
Aber: Styles ist ein ehemaliger Notre-Dame-Wide-Receiver, der erst vor zwei Jahren zu Safety konvertiert ist. Drei Saisons bei Ohio State, null Interceptions, nur 46 Tackles über die komplette Zeit als DB. Die Produktion ist dünn. Das ist kein Geheimnis.
Was wir holen, ist Special-Teams-Geschwindigkeit und die Brüder-Geschichte (Sonny Styles ist ein First-Rounder dieses Drafts, sein Bruder). Lorenzo ist ein Gunner, der mit 4.27 downfield fliegt und als Center-Field-Safety in der richtigen Rolle auftrumpfen kann.
Wir holen ihn in der siebten Runde. Bei Pick #210 suchst du nach Traits, die du nicht coachen kannst. 4.27-Speed bei 194 Pfund ist so ein Trait. Wenn Lorenzo in Jahr zwei unser dritter Safety und Special-Teams-Ass ist, ist der Pick komplett Gold wert. Wenn nicht – okay, Pick #210. Wir haben wenig verloren.
Was steht unterm Strich?
Wir holen in diesem Mock einen sofort einsatzfähigen Pass Rusher (Bain), einen Day-1-Starter-Kandidaten auf Cornerback (Hood), einen massiven Offensive-Lineman mit Pro-Bowl-Ceiling (Proctor), einen Nachfolge-Tight-End (Delp) und fünf Day-3-Würfe mit klaren Rollenprofilen. Das ist ein Draft, der die Defensive Front repariert, die Secondary tief macht und für die Zeit nach Kelce vorsorgt.
Macht uns das zum Super-Bowl-Contender? Ich glaube: ja. Nicht, weil jeder dieser Picks ein Pro Bowler wird. Sondern weil wir an den richtigen Stellen die richtigen Spielertypen holen. Das ist es, was Veach gerade in 2022 besser gemacht hat als die meisten GMs der Liga.
Stört mich, dass wir keinen Top-WR haben? Auf jeden Fall aber ein Draft wird niemals alle Probleme eines Teams lösen und dafür müssen wir dann in der Free Agency oder per Trade spannende Namen finden. Mein aktueller favorisierter Move: Brandon Aiyuk per Trade von den 49ers zu den Chiefs oder vielleicht ja sogar nach einem Cut nach dem Draft. Im kommenden Jahr hätte die Position dann auf den jeden Fall Priorität im Draft.
Was sagt ihr dazu? Könntet ihr damit leben?











