In Indianapolis wird gerade ausgemistet. Die Colts stehen bei 2-5, General Manager Chris Ballard ist entlassen, und innerhalb einer Woche haben sie Guard Quenton Nelson nach Seattle und Defensive Tackle DeForest Buckner nach San Francisco abgegeben. Receiver Josh Downs hat inzwischen offiziell um einen Trade gebeten. Und mittendrin steht ein Mann aus dem Burgenland, der für die Chiefs interessanter sein könnte als uns lieb ist: Left Tackle Bernhard Raimann.
Bei uns dreht sich seit Wochen alles um die Frage, welcher Receiver die Offense wieder in Schwung bringt. Aber mit der Entwicklung von Josh Simmons, stellt sich langfristig die Frage: wie sieht unser Tackle-Duo in den nächsten Jahren aus? Und genau dort könnte ein Österreicher helfen.
Raimanns Weg in die NFL ist einer der ungewöhnlichsten in der Liga. Geboren 1997 in Steinbrunn im Burgenland, fing er mit 14 Jahren in der Jugend der Vienna Vikings mit Football an. Als Austauschschüler verbrachte er ein Jahr an einer Highschool in Michigan, danach leistete er in Österreich seinen Wehrdienst ab und ging erst dann ans College. An der Central Michigan University spielte er zunächst zwei Jahre Tight End, bevor er zum Offensive Tackle umgeschult wurde. Zwei Jahre später holten ihn die Colts im Draft 2022 in der dritten Runde.
Seitdem hat er sich zu einem der besten Left Tackles der Liga entwickelt, ohne dass es außerhalb von Indianapolis groß jemand gemerkt hätte. 2025 kam er bei PFF auf eine Gesamtnote von 82,0, das war Platz zehn unter allen Tackles und sein drittes Jahr in Folge über 82. Er gehört zu den wenigen Tackles, die sowohl im Pass- als auch im Run-Blocking stark bewertet werden. Ganz ohne Makel ist er aber nicht: Acht zugelassene Sacks waren 2025 einer der höheren Werte unter den Tackles.
Im Juli 2025 bekam er einen Vierjahresvertrag über 100 Millionen Dollar. Der läuft bis 2029, er ist 29 Jahre alt, also genau im besten Alter für einen Left Tackle.
Auf den ersten Blick braucht Mahomes gar keine Hilfe. Er wird in dieser Saison nur bei 3,3 Prozent seiner Dropbacks gesackt, das ist der drittbeste Wert der NFL. Und Kahlil Benson, der ungedraftete Rookie, der für den verletzten Josh Simmons an Left Tackle spielt, wurde im September sogar zum Offensive Rookie of the Month gewählt. Eine Geschichte, die man nur feiern kann.
Aber: Die guten Sack-Zahlen haben einen Preis. Kein Team wirft so kurz wie die Chiefs. Fast 60 Prozent aller Pässe fliegen maximal fünf Yards weit, das ist der höchste Wert der Liga. Bei der durchschnittlichen Wurftiefe liegen die Chiefs mit 6,0 Yards auf Platz 31 von 32. Wer den Ball so schnell loswird, wird natürlich selten gesackt. Nur kommt diese Offense so eben auch nicht mehr in die Endzone, das hat das 3-20 in Seattle gezeigt.
Dass die Chiefs so kurz werfen, hat sicher auch mit den fehlenden Receivern zu tun, das habe ich in meinem Text zu Xavier Worthy beschrieben. Es hat aber auch mit der Line zu tun. PFF führt die Chiefs-Line nur noch auf Platz 21, in Seattle kam kein einziger Offensive Lineman auf eine Note über 60.
Analyst Seth Keysor schreibt, Benson tue sich bei klassischen Dropbacks schwer, also genau bei den Spielzügen, bei denen Mahomes länger im Pocket stehen muss, um tief zu werfen. Und Simmons? Der sitzt nach dem Ärger um das Team-Meeting mit Rückenproblemen auf der Injured Reserve. Laut PFF könnte er diese Saison gar nicht mehr spielen.
Dazu kommt: Mahomes spielt seine erste Saison nach dem Kreuzbandriss. Gerade jetzt sollte niemand riskieren, dass ihn ein Edge Rusher von der blinden Seite trifft. Ein echter Left Tackle würde Benson auf die rechte Seite oder auf die Bank schieben, und Mahomes würde die Zeit bekommen, die er für Deep Shots braucht.
Josh Downs wäre der zweite Teil des Deals. Der 25-Jährige ist ein klassischer Slot-Receiver, sein Rookie-Vertrag läuft nach dieser Saison aus, und er will raus aus Indianapolis. „Ich bin für alles offen“, sagte er zu seinem Trade-Wunsch. In sieben Spielen kommt er auf 26 Catches für 307 Yards, mehr als jeder andere Colt, aber ohne Touchdown. Für die Chiefs wäre er vor allem gegen Man-Coverage interessant, also gegen Verteidiger, die einem Receiver eins gegen eins am Trikot kleben. Genau daran ist diese Offense zuletzt immer wieder gescheitert.
Finanziell ist der Deal für diese Saison erstaunlich gut machbar. Die Colts haben Raimanns Vertrag im Sommer umgebaut, sein Grundgehalt 2026 liegt nur noch bei 2 Millionen Dollar. Weil bei einem Trade während der Saison nur das restliche Gehalt mitwandert, müssten die Chiefs für Raimann und Downs zusammen wohl nicht einmal zwei Millionen Dollar Cap Space freimachen. Den Großteil der Kosten tragen die Colts: Sie müssten bei einem Trade rund 30 Millionen Dollar an sogenanntem Dead Money verbuchen, also Geld, das weiter auf ihr Cap zählt, obwohl der Spieler weg ist. Das ist die größte Hürde in diesem Gedankenspiel.
Bleibt die Frage nach dem Preis. Ich würde Josh Simmons in den Deal packen, dazu einen Pick aus der zweiten oder dritten Runde. Für die Colts hätte das Charme: Sie bekommen einen jungen Erstrunden-Tackle auf einem günstigen Rookie-Vertrag, der Raimann direkt ersetzen kann, sobald sein Rücken mitspielt.
Für die Chiefs wäre es ein sauberer Schnitt nach dem Ärger der letzten Wochen. Downs wäre in so einem Paket fast eine Zugabe, in Trade-Vorschlägen werden für ihn eher Picks aus den späten Runden genannt.
Zeit ist allerdings knapp: Die Trade Deadline ist am 10. November.
Ich bin überzeugt: Raimann würde dieser Offense mehr helfen als jeder Receiver, über den wir in den letzten Wochen gesprochen haben. Ein Field Stretcher bringt nichts, wenn Mahomes nicht lange genug stehen kann, um ihn zu finden.
Mit Raimann an Left Tackle könnte Andy Reid wieder ein Playbook aufmachen, das über Screens und schnelle Flats hinausgeht. Und Mahomes wäre in für den Rest der Saison deutlich besser geschützt.
Ganz ohne Bauchschmerzen geht es aber nicht. Ab 2027 würde Raimann die Chiefs jedes Jahr zwischen rund 20 und 24 Millionen Dollar kosten, bis 2029. Bei einem Cap, das schon jetzt auf Kante genäht ist, müsste Brett Veach dafür an anderer Stelle sparen. Das wäre es mir wert, denn ein Left Tackle ist nach dem Quarterback die wichtigste Position der Offense. Ein Selbstläufer ist es trotzdem nicht.
Realistisch ist der Deal nur, wenn die Colts den Neuaufbau wirklich ernst meinen und das Dead Money schlucken. Ausgeschlossen ist das nicht, sie haben Nelson und Buckner schließlich auch abgegeben. Und wann bekommt man schon mal die Chance, dass ein Österreicher die Offense der Chiefs rettet?
Was meint ihr: Brauchen die Chiefs eher einen Left Tackle oder einen Receiver? Und würdet ihr Simmons dafür abgeben? Schreibt es mir in die Kommentare.











