Am Donnerstag haben die Chiefs Josh Simmons auf die Injured Reserve gesetzt. Das ist für mich die wichtigste Personalie dieser Woche, und zwar nicht nur wegen der Seahawks. Simmons fehlt seit Mitte August mit einer Bandscheibenvorwölbung im unteren Rücken. Er hat bisher keinen einzigen Snap in der Regular Season gespielt. In der Woche vor dem Chargers-Spiel trainierte er dreimal limitiert, am Mittwoch fehlte er wieder. Head Athletic Trainer Rick Burkholder begründete den IR-Schritt damit, dass Simmons in der Reha auf einem Plateau angekommen sei. Eine Operation sei nicht nötig, das hätten ein Wirbelsäulenspezialist und ein zweites MRT bestätigt. Frühestens zurück ist er in Week 11 gegen Arizona (22. November).
Die Vorgeschichte ist länger, als man denkt. Laut Burkholder meldete Simmons am 17. August Probleme in der Wade: Er konnte kaum auf einem Bein stehen – demselben Bein, an dem er 2024 am Knie operiert worden war. Erst das MRT im Trainingslager in St. Joseph zeigte, dass die Ursache im Rücken lag. Die betroffene Bandscheibe sitzt höher als bei Offensive Linemen üblich, „das hat den Fall verkompliziert“, so Burkholder. Ein Wirbelsäulenspezialist in Kalifornien riet von einer Operation ab, ein späteres MRT zeigte eine Besserung, und vergangene Woche stand Simmons wieder limitiert auf dem Trainingsplatz.
Interessant ist, wie die Entscheidung zustande kam. Am Mittwoch sprachen die Chiefs mit Simmons und gaben ihm Zeit, sich mit seiner Familie und seinem Agenten über die nächsten Schritte zu beraten. Daher kam die Kennzeichnung „back/personal“ im Injury Report, die nach seinem vierwöchigen Fehlen aus persönlichen Gründen im vergangenen Jahr sofort für Spekulationen gesorgt hatte. Am Ende waren sich laut Burkholder alle einig: Simmons, sein Agent, die medizinische Abteilung, Andy Reid und Brett Veach. Offen ist, ob Simmons seine Reha in Kansas City oder woanders fortsetzt. „Er braucht einfach mehr Zeit, um wieder voll belastbar zu sein“, sagte Burkholder.
Bleibt die Frage, wieso die Chiefs ihn nicht schon vor der Saison auf die IR gesetzt haben. Die naheliegende Antwort ist der Kader: Es gab genug Platz im 53-Mann-Roster und genug Practice-Squad-Elevations, um ein paar Wochen abzuwarten, ob er schnell zurückkommt. Das ist nicht passiert.
Das bedeutet: Kahlil Benson bleibt unser Left Tackle. Mindestens vier weitere Spiele, wahrscheinlich länger. Und weil Jaylon Moore nach seiner Gehirnerschütterung gegen die Chargers ebenfalls fraglich ist, steht am Sonntag voraussichtlich Joshua Ezeudu an Right Tackle. Ein Undrafted Rookie und ein Spieler, der die komplette Saison 2025 auf der IR verbracht hat, sollen Patrick Mahomes in seiner ersten Saison nach dem Kreuzbandriss gegen die Seahawks schützen.
Klingt nach Alarm. Ist es das auch? Ich habe mir die Zahlen angeschaut – und sie erzählen eine differenziertere Geschichte, als ich erwartet hatte.
Die kurze Antwort: gar nicht schlecht. Die Chiefs haben in fünf Spielen nur sechs Sacks zugelassen. Gemessen an den Dropbacks ist das eine Sack-Rate von 3,6 Prozent und Platz vier der Liga. Gegen Miami und die Chargers wurde Mahomes überhaupt nicht gesackt. Auch beim Druck stehen wir ordentlich da: Laut Pro Football Reference stand Mahomes bei 19,5 Prozent seiner Dropbacks unter Druck, das ist Platz sieben. In der kompletten Saison 2025 waren es noch 21,1 Prozent und Platz 15. Wir sind also, Stand jetzt, besser geschützt als im vergangenen Jahr. Und das ohne unseren Erstrundenpick an Left Tackle.
Dazu kommt das Laufspiel. 220, 152, 88, 189 und 150 Rushing Yards – eine Line, die so blockt, ist kein Problem, sondern eine Stärke. Kenneth Walker profitiert davon jede Woche.
Aber: Die Zahlen haben zwei Haken. Erstens schwankt der Druck stark von Spiel zu Spiel. In Las Vegas stand Mahomes bei einem Drittel seiner Dropbacks unter Druck (11 Pressures), gegen die Chargers waren es nur drei. Zweitens war der Spielplan bisher dankbar. Denver hat zwar einen starken Passrush, Indianapolis, Miami, Las Vegas und die Chargers mit ihrer Rookie-Line gehören aber nicht zur Elite. Seattle tut das.
Und es gibt ein Muster, das mir mehr Sorgen macht als jede Sack-Zahl: Unsere Offense ist gegen den Blitz deutlich besser als gegen einen klassischen Vierer-Passrush. Wenn der Gegner fünf oder mehr Spieler schickt, kommen wir laut FTN-Charting auf 0,34 EPA (Expected Points Added) pro Dropback. Das ist ein Spitzenwert. Wenn der Gegner nur vier oder weniger schickt und den Rest in Coverage lässt, sind es nur noch 0,12. Mahomes bestraft den Blitz. Gegen einen Vierer-Rush, der trotzdem durchkommt, wird es zäh. Das könnte am Sonntag ein Problem sein.
Die ehrliche Antwort: Sie sind sehr unterschiedlich gut.
Josh Simmons hat als Rookie 2025 nur acht Spiele bestritten. Vier Partien verpasste er aus persönlichen Gründen, in Week 13 in Dallas brach er sich das Handgelenk. Wenn er spielte, war er vor allem ein Pass-Protector. PFF gab ihm eine Pass-Block-Note von rund 75 bis 77 – der beste Wert aller Rookie-Tackles 2025, knapp vor Will Campbell (Patriots). Laut PFF war das die beste Pass-Block-Note eines Chiefs-Left-Tackles seit Orlando Brown. Er ließ 18 Pressures und zwei Sacks zu, das entspricht einer Pressure-Rate von 4,9 Prozent. Schwächen hatte er im Laufspiel und bei den Strafen: sieben Flaggen in acht Spielen, darunter vier Holdings und drei False Starts. Gesamtnote: 66,0, Platz sechs unter den Rookie-Tackles.
Kahlil Benson ist fast das Spiegelbild. Er hat keinen einzigen Sack zugelassen. Seine Run-Block-Note von 76,7 ist die 14.-beste aller 74 Tackles. In der Pass-Protection sieht PFF ihn aber weit hinten: 43,7, Platz 72 von 74. Der Grund sind vor allem sieben QB-Hits, die er zugelassen hat. Insgesamt hat er zwölf Pressures auf 187 Pass-Block-Snaps abgegeben, also 6,4 Prozent.
Spannend ist, dass die Next Gen Stats der NFL ihn deutlich freundlicher bewerten. Nach drei Spielen hatte er dort nur sieben Pressures auf 106 Pass-Block-Snaps zugelassen (drittbester Wert unter den Left Tackles) und 84 Prozent seiner Eins-gegen-eins-Duelle gewonnen, Bestwert der Liga. Dafür wurde er zum Offensive Rookie of the Month im September gewählt – als erster Offensive Lineman seit Quenton Nelson 2018.
Trent Williams (SF): Gesamt 86,3, Pass-Block 87,9, Run-Block 77,2, 5 Pressures, 0 Sacks
Garett Bolles (DEN): Gesamt 81,6, Pass-Block 85,5, Run-Block 80,7, 3 Pressures, 0 Sacks
Jordan Mailata (PHI): Gesamt 80,6, Pass-Block 83,9, Run-Block 76,4, 7 Pressures, 0 Sacks
Charles Cross (SEA): Gesamt 79,1, Pass-Block 77,6, Run-Block 75,5, 11 Pressures, 2 Sacks
Will Campbell (NE): Gesamt 72,8, Pass-Block 76,0, Run-Block 68,2, 13 Pressures, 1 Sack
Christian Darrisaw (MIN): Gesamt 66,2, Pass-Block 76,9, Run-Block 53,3, 5 Pressures, 3 Sacks
Kahlil Benson (KC): Gesamt 65,6, Pass-Block 43,7, Run-Block 76,7, 12 Pressures, 0 Sacks
Josh Simmons (KC, 2025): Gesamt 66,0, Pass-Block ca. 75–77, 18 Pressures, 2 Sacks
Werte 2026 nach PFF, Stand 22. Oktober. Simmons: komplette Saison 2025, acht Spiele.
Mein Fazit: Benson ist kein Left Tackle auf dem Niveau von Trent Williams oder Jordan Mailata, und das erwartet auch niemand. Er ist im Moment ein überdurchschnittlicher Run-Blocker und ein durchschnittlicher bis wackliger Pass-Blocker, der seine Fehler aber selten in Sacks enden lässt. In der Gesamtnote liegt er praktisch gleichauf mit Simmons' Rookie-Saison und mit Christian Darrisaw. Für einen Spieler, der im College nie Left Tackle gespielt hat, ist das bemerkenswert. Simmons bleibt der bessere Pass-Protector – wenn er gesund ist. Genau das ist aber seit seiner Ankunft in Kansas City die große Frage: Seit er gedraftet wurde, haben die Chiefs 14 Spiele ohne ihn und nur acht mit ihm bestritten.
Diese Frage hat mich am meisten beschäftigt. Ein Undrafted Free Agent, der direkt aus dem College kommt, im College nie Left Tackle gespielt hat (er war Right Tackle und Guard in Indiana und Colorado), über ein Tryout im Rookie-Minicamp einen Vertrag bekommt – und dann in Week 1 an der Blind Side eines Titelkandidaten startet. Und das bisher in jedem Spiel.
Die Antwort: Es gibt kaum Vergleichsfälle. Laut NFL.com ist Benson der erste Undrafted Rookie, der unter Andy Reid in Week 1 für die Chiefs gestartet ist. Ligaweit habe ich in den letzten rund 15 Jahren keinen Undrafted Rookie gefunden, der als Left Tackle in die Saison gestartet ist und den Job seitdem durchgehend hat. Eine offizielle Statistik dazu gibt es allerdings nicht, deshalb formuliere ich vorsichtig.
Die nächsten Verwandten:
George Fant, Seahawks 2016: Der frühere College-Basketballer war ungedraftet, übernahm Mitte der Saison nach einer Verletzung von Bradley Sowell die Left-Tackle-Position und startete zehn Spiele. Die Bilanz war hart: PFF-Note 30,2, schlechtester Wert aller 76 Tackles, 47 Pressures und sieben Sacks. Fant hat trotzdem eine lange Karriere gemacht, später unter anderem mit einem Dreijahresvertrag über 30 Mio. US-Dollar bei den Jets.
Trent Scott, Chargers 2018: Ein Notfall-Start als Rookie für den verletzten Russell Okung. Im zweiten Jahr startete er dann die ersten sieben Spiele an Left Tackle.
David Foucault, Panthers 2014: Ein Kanadier aus Montreal, ungedraftet, ein einziger Start an Left Tackle im Thursday Night Game gegen die Saints. Danach ging er in die CFL.
Jason Peters: Der beste ungedraftete Left Tackle der Geschichte – neun Pro Bowls, zweimal First-Team All-Pro. Aber er kam 2004 als Tight End in die Liga und wurde erst in seinem vierten Jahr Left Tackle.
Was Benson besonders macht, ist also nicht nur, dass er spielt. Sondern dass er es von Anfang an tut und dabei keinen Sack zulässt. Fant ist das Gegenbeispiel dafür, wie so ein Experiment normalerweise aussieht.
Hier wird es ernst. Andy Reid nannte die Seahawks-Defense am Mittwoch „die beste im Geschäft“, und die Zahlen geben ihm recht: Seattle lässt nur 237 Yards pro Spiel zu, Bestwert der Liga. Der Passrush kommt auf 16 Sacks und eine Sack-Rate von 8,1 Prozent (Platz sieben). Bei der Pressure-Rate stehen die Seahawks mit 29,6 Prozent sogar auf Platz drei.
Das Entscheidende ist aber, wie sie das schaffen. Seattle blitzt kaum. In 78,5 Prozent aller Dropbacks schicken die Seahawks vier oder weniger Pass Rusher, das ist der drittgrößte Anteil der Liga. Bei der Blitz-Rate liegen sie im unteren Drittel. Mike Macdonald holt seinen Druck über Stunts und Twists, also Spielzüge, in denen Defensive Linemen ihre Wege kreuzen, um Blocker zu verwirren. Und genau das ist die Konstellation, die uns weniger liegt: Gegen einen Vierer-Rush ist unsere Offense in dieser Saison deutlich schwächer als gegen den Blitz.
Die Gefahr kommt dabei vor allem von innen. Leonard Williams (12 Pressures, drei Sacks) und Byron Murphy II (drei Sacks) sind die führenden Rusher, DeMarcus Lawrence kommt auf elf Pressures, aber noch keinen Sack. Lawrence hat übrigens angekündigt, nach dieser Saison aufzuhören, und hat am Mittwoch zur Schonung nicht trainiert. Boye Mafe ist im Frühjahr zu den Bengals gewechselt. Die Edge-Rusher Derick Hall und Uchenna Nwosu sind solide, aber keine Spieler, vor denen ich Angst habe.

Das ist eine gute Nachricht für Benson und Ezeudu. Die größere Prüfung wartet auf die Interior O-Line mit Kingsley Suamataia, Creed Humphrey und Trey Smith – und darauf, dass die Kommunikation stimmt, wenn Seattle die Rusher kreuzen lässt. Bei einem neuen Right Tackle neben Trey Smith ist genau das die Schwachstelle. Ezeudu hat gegen die Chargers auf 17 Pass-Block-Snaps nur einen Hurry zugelassen. Das ist ein guter Start, aber eine sehr kleine Stichprobe.
Was Andy Reid und Eric Bieniemy tun können:
Schnell werfen. Gegen die Chargers lag Mahomes' Average Intended Air Yards bei nur 4,4 Yards. Das gefällt mir normalerweise nicht, gegen Seattle wäre es aber ein legitimes Mittel.
Laufen, laufen, laufen. Ein starkes Laufspiel bremst jeden Passrush, und hier ist Benson ohnehin am stärksten. Seattle hat seit 35 Spielen keinen 100-Yard-Rusher zugelassen. Wenn Kenneth Walker diese Serie bei seiner Rückkehr bricht, gewinnen wir.
Hilfe für die Tackles. Chip-Blocks durch Running Backs und Tight Ends, also ein kurzer Rempler gegen den Edge-Rusher, bevor sie in die Route gehen. Travis Kelce ist mit seinem Knöchel allerdings nur limitiert im Training.
Ist die O-Line eine Gefahr für die Chiefs? Aus meiner Sicht nicht in ihrer aktuellen Form. Sie lässt weniger Sacks zu als fast jede andere Line der Liga, sie trägt das beste Laufspiel seit Jahren, und Benson hält sich an Left Tackle besser, als es jeder vernünftige Mensch im Mai erwartet hätte.
Das Problem ist die Tiefe. Mit Simmons auf der IR und Moore im Concussion-Protokoll sind wir bei Tackle Nummer drei und vier angekommen. Noch eine Verletzung, und es wird wirklich dünn. Trotzdem brauchen wir aus meiner Sicht keinen Trade. Benson hält, Ezeudu hat seinen ersten Einsatz ordentlich überstanden, und Moore sollte nach dem Concussion-Protokoll bald zurück sein. Für einen Tackle, der nur als Absicherung auf der Bank sitzt, würde ich keinen Pick abgeben – da ist ein Passrusher die bessere Investition.
Und wenn Simmons zurückkommt? Dann ist er für mich wieder unser Left Tackle. Er ist der bessere Pass-Protector, und genau das brauchen wir im Januar gegen die besten Passrushs der AFC. Benson hat sich mit diesen Wochen trotzdem etwas verdient: Er ist ab sofort mindestens der erste Backup für beide Tackle-Positionen – und vielleicht der Right Tackle der Zukunft.
Für Sonntag heißt das: Seattle ist der härteste Test, den diese Line bisher hatte. Wenn wir dort keine drei oder vier Sacks kassieren, können wir das Thema O-Line fürs Erste ad acta legen.
Wie seht ihr das? Sollte Simmons seinen Job zurückbekommen, wenn er gesund ist – oder hat sich Benson den Platz verdient? Schreibt es uns in die Kommentare.
GO CHIEFS!








