Es war eine dieser Nächte, die man als deutscher Chiefs-Fan nicht braucht. Drei Stunden vorgeschlafen, um 01:20 Uhr vor dem Fernseher, und als ich danach ins Bett ging, war ich vor allem genervt. Nicht, weil wir verloren haben. Sondern weil das Spiel so klar und so eindeutig war. Danke an dieser Stelle an die Chiefs-Fans aus dem Norden in unserer WhatsApp-Gruppe – das war wenigstens eine kleine Live-Therapiesitzung.
Die neue Folge DAS KINGDOM:
Die Fakten sind schnell erzählt: Die Seahawks gewinnen 20-3, wir stehen jetzt bei 5-1, Seattle bei 4-3. Zum ersten Mal in einem Spiel mit Patrick Mahomes als Starter, die Playoffs eingerechnet, kommt unsere Offense nicht ein einziges Mal in die Redzone. Näher als bis zur 27-Yard-Linie der Seahawks kamen wir nicht. Drei Punkte sind der Tiefstwert der Mahomes-Ära. Kenneth Walker, der vor dem Spiel mit 665 Rushing Yards die Liga anführte, kommt bei seiner Rückkehr auf 36 Yards aus 14 Läufen. Und Seattles Serie wächst auf 36 Spiele ohne gegnerischen 100-Yard-Rusher.
Die Zahlen der Teams zeigen, wie einseitig das war: 410 zu 213 Yards, 24 zu 11 First Downs, 11 von 16 Third Downs für Seattle, nur 3 von 11 für uns. Wieso sah das so aus? Und vor allem: Was davon ist ein echtes Problem und was eher eine Grippe, die wieder vorbeigeht?
Fangen wir bei der Ausgangslage an, denn die gehört zur Wahrheit dazu: Uns fehlten beide Starting Tackles (Josh Simmons auf der Injured Reserve, Jaylon Moore mit Gehirnerschütterung) und unsere zwei wichtigsten Wide Receiver (Rashee Rice mit einer Oberschenkelzerrung, Tyquan Thornton nach seiner Knöchel-OP auf der IR). Vier elementare Spieler, und das gegen die aus meiner Sicht beste Defense der Liga. Mit diesen vier wäre das Spiel anders gelaufen, davon bin ich überzeugt.
Seattle hat uns dabei nicht mit Masse geschlagen, sondern mit Disziplin. Die Box war selten voll, geblitzt wurde fast nie. Stattdessen standen zwei tiefe Safeties, die unsere tiefen Anspielstationen aus dem Spiel nahmen, und die Defense hat Walkers Läufe nach außen konsequent zugemacht. Das Ergebnis: Kein einziger Walker-Lauf ging über zehn Yards. Und unsere fünf Wide Receiver Xavier Worthy, Cyrus Allen, Justin Watson, Andrew Armstrong und Jalen Royals kamen zusammen auf sechs Catches für 39 Yards. Gar nicht gut!
Aber: Patrick Mahomes hat an dieser Offense für mich den geringsten Anteil. Ja, 19 von 33 Pässen, 165 Yards, eine Interception und ein Passer Rating von 58,3 sehen schlecht aus, und den Third Down auf Travis Kelce im ersten Drive muss er treffen. Doch vor der Pause stand er bei 8 von 15 Dropbacks unter Pressure. Die rechte Seite unserer Line war wie eine Saloontür, und Joshua Ezeudu hat in Seattle seinen „Welcome to the NFL“-Moment erlebt. Kahlil Benson hat sich auf der linken Seite ordentlich gewehrt, aber wenn es an einer Stelle so brennt, sieht irgendwann die ganze Line schlecht aus. Mahomes musste den Ball im Schnitt 3,17 Sekunden halten, sonst sind es in dieser Saison 2,79. Das klingt nach wenig, ist im Football aber eine Ewigkeit. Und als er dann Zeit hatte, war niemand frei: Der Chiefs-Spieler mit der größten Separation war nicht Worthy und nicht einer der jungen Receiver, sondern ausgerechnet der 37-jährige Kelce (4 Catches, 44 Yards). Tight End Noah Gray fing alle drei Bälle, die zu ihm kamen.
Und dann ist da noch die Frage nach dem Gameplan. Die ersten Wochen lebte die 2026er-Offense davon, dass Mahomes viel häufiger Under Center steht, also direkt hinter dem Center, und Läufe und Pässe aus derselben Optik kommen. In den ersten fünf Spielen standen wir nur bei rund 60 Prozent der Snaps in der Shotgun, in Seattle waren es wieder 67 Prozent. Dazu kamen die kurzen Timing-Pässe der letzten Jahre, die schon 2025 gegen Man-Coverage, also Manndeckung, nicht funktioniert haben. Ich verstehe, dass man ohne Rice, Thornton und beide Tackles umplanen muss, und ich weiß nicht, wie das eigene Konzept gegen diese Defense ausgesehen hätte. Aber ich frage mich schon, ob wir uns nicht zu sehr auf Seattles Spiel eingelassen haben, statt bei dem zu bleiben, was uns 5-0 gebracht hat.
Auch unsere Defense hat einen Gegner erlebt, der einen klaren Plan hatte. Sam Darnold, der in den beiden Spielen davor jeweils fünfmal gesackt worden war, hat den Ball so schnell losgelassen wie in keinem anderen Spiel dieser Saison. In sauberer Pocket hielt er ihn im Schnitt nur 1,96 Sekunden. Am Ende standen 20 von 28 Pässen für 257 Yards, ein Touchdown, eine Interception – und kein einziger Sack. Steve Spagnuolo hat nur neunmal geblitzt, für ihn wenig, und Darnold hat gegen diese Blitzes alle neun Pässe angebracht, für 102 Yards und sechs First Downs.
Das eigentliche Problem waren die Third Downs. 11 von 16 hat Seattle verwandelt. Zur Mitte des dritten Viertels hatten die Seahawks 51 Spielzüge, wir 24. In der ersten Halbzeit hatten wir gerade einmal drei Drives. Kein Wunder, dass Drue Tranquill (12), Nick Bolton (11) und Nohl Williams (10) zweistellig tackelten – und dass die Defense im vierten Viertel beim 21-Yard-Touchdown-Lauf von Emanuel Wilson müde aussah. Das Gute: Sobald Seattle in die Redzone kam, wurde das Feld eng und wir sahen stark aus. Nohl Williams fing Darnolds Pass in der Endzone ab und trug den Ball 65 Yards zurück.
Und dann ist da Jaxon Smith-Njigba. Neun Catches, 150 Yards, ein 28-Yard-Touchdown, allein 129 Yards in der ersten Hälfte. Er ist der erste Spieler der Super-Bowl-Ära mit mindestens 850 Receiving Yards und acht Touchdowns nach sieben Spielen. Mansoor Delane wurde danach kritisiert, aber zu Unrecht: Beim Touchdown hatte er die Hand dran, JSN hat den Ball im Laufen auf die linke Hand gelegt und Delanes Arm mit der rechten weggeschoben. Das verteidigt niemand besser.
Die größere Baustelle ist die Mitte des Feldes. L'Jarius Sneed stand nur 14 von 69 Defensiv-Snaps auf dem Feld und wurde fünfmal angeworfen. Alle fünf Bälle kamen an, für 83 Yards und vier First Downs. Schon vor dem Spiel war er der meist angespielte Verteidiger der Chiefs (29 von 37 Bällen angekommen). Ich mag Sneed sehr, aber aktuell ist er die Schwachstelle unserer Secondary. Spagnuolo hat das nach 14 Snaps ebenfalls gesehen und ihn herausgenommen.
Beim Passrush gab es genau zwei Lichtblicke: George Karlaftis und R. Mason Thomas. Thomas hat mit 20 Snaps seinen Saisontiefstwert gespielt, dabei aber bei zwölf Passrushes viermal Pressure erzeugt und die beste PFF-Passrush-Note des Teams geholt (73,8). Wieso unser zurzeit effektivster Passrusher so wenig spielt, verstehe ich nicht. Chris Jones dagegen kam bei 24 Passrushes nicht ein einziges Mal durch. Seine Pressure-Rate pro Rush ist von 12,8 auf 8,1 Prozent gefallen, ein Drittel weniger. In klaren Passing-Situationen sieht er noch gut aus, gegen Läufe, Play Action und schnelle Würfe nicht. Meine Vermutung: Das ist weniger das Alter als eine Verletzung, die ihn seit dem Saisonstart begleitet. Hilfe könnte bald kommen, Norman Lott soll nach seinem Kreuzbandriss zurückkehren. Mit ihm und mehr Snaps für Thomas hätte unser Passrush plötzlich ein anderes Gesicht.
Ich halte es kurz, weil dazu eigentlich alles gesagt ist. Butker traf in Seattle eines von drei Field Goals: Der 58-Yarder kurz vor der Pause war zu kurz, den 50-Yarder im dritten Viertel machte er, den 45-Yarder knapp neun Minuten vor Schluss schoss er rechts vorbei. Seit Beginn der Saison 2025 hat er 15 Kicks verschossen, zehn Field Goals und fünf Extrapunkte. Das ist laut CBS der Ligahöchstwert. Aus 50 Yards und mehr steht er in dieser Saison bei 2 von 6.
Andy Reid sagte danach: „Er war einer der konstantesten Kicker im Football. Er ist gerade ein bisschen neben der Spur, das muss er in den Griff kriegen.“ Mir fällt dabei vor allem das „war“ auf. Laut Pete Sweeney vom Kansas City Star lag das Problem nicht an der Kraft, sondern daran, dass Butker zu hart durchzieht, statt locker zu schießen.
Entlassen werden wir ihn in dieser Saison nicht, ein Cut würde jetzt über zehn Mio. US-Dollar Dead Money bedeuten. Erst ein Cut nach dem 1. Juni wäre finanziell sinnvoll. Bis dahin wünsche ich mir, dass wir ab etwa 45 Yards lieber den vierten Versuch ausspielen. Kurios und bitter zugleich: Unser Backup-Kicker im Practice Squad war vor zwei Jahren Spencer Shrader. Der gehört heute zu den besten Kickern der Liga.
In der Community kam nach dem Spiel vor allem eine Frage: Haben wir unsere Chiefs zu früh zum Super-Bowl-Contender erklärt? Im Podcast haben Kolja und ich darüber länger diskutiert. Meine Antwort: Ja, wir sind aktuell weiterhin ein Contender – aber kein Favorit. Seattle hat zusammen mit Minnesota die beste Defense der Liga, und beide spielen in der NFC. In der AFC sehe ich kein Team, das so verteidigen kann, und überhaupt kein Team ohne eigene Probleme. Kein NFL-Team bleibt eine Saison lang perfekt. Ein Spiel zeigt eine Tendenz, aber es verändert nicht alles, was man über ein Team denkt. Das Spiel in Denver wird für diese Frage aber wichtig, denn die Broncos sind das einzige AFC-Team, das eine ähnliche Defense spielen kann.
Im Podcast haben wir die Baustellen gerankt. Von ernst bis eher saisonale Grippe sieht es für mich so aus:
Kein echter Deep Threat und kein Receiver, der Man-Coverage schlägt. Beides hat uns Thornton gegeben. Ohne tiefes Passspiel ist diese Offense das, was sie letztes Jahr war: ausrechenbar.
Harrison Butker.
Die Tackles, solange Simmons und Moore fehlen.
Der Passrush, solange Chris Jones nicht in Form ist und R. Mason Thomas kaum spielt.
Das alte Playbook aus Shotgun und Timing-Pässen.
L'Jarius Sneed in der Mitte des Feldes.
Das Laufspiel. Das zähle ich zur Grippe: Seattle ist die beste Run-Defense der Liga und kennt Walker in- und auswendig.
Daraus folgt auch meine Trade-Priorität bis zur Deadline am 10. November: ein Wide Receiver, der tief gehen kann. Laut ESPN will Brett Veach vor der Deadline einen Receiver holen. Marquise „Hollywood“ Brown ist für mich kein Field Stretcher mehr, Garrett Wilson ist mit seiner Verlängerung schlicht zu teuer. Mein Wunschkandidat ist Isaac TeSlaa von den Lions: zweites Jahr, Rookie-Vertrag, Wurftiefe über zwölf Yards und überdurchschnittliche Separation, spielt in Detroit aber nur rund 40 Prozent der Snaps. Realistischer ist weiterhin Brian Thomas Jr., der in Jacksonville kaum noch eingesetzt wird, auch wenn die Jaguars offiziell nichts davon wissen wollen. Josh Downs von den Colts wäre ein solider Slot-Receiver mit guter Separation, aber eben kein Ersatz für Thornton.
Neben dem Spiel gab es diese Woche noch eine zweite Geschichte. Laut ESPN und NFL Network hat Andy Reid Josh Simmons am vergangenen Mittwoch aus dem Offense-Meeting geschickt. Simmons saß mit hochgelegten Füßen da und erklärte, er müsse wegen Rückenschmerzen so sitzen. Reid schickte ihn zu den Physiotherapeuten, und erst als Mahomes sich auf Reids Seite stellte, verließ Simmons den Raum. Noch am selben Tag entschuldigte er sich. Einen Tag später kam er wegen eines Bandscheibenvorfalls im unteren Rücken auf die Injured Reserve, frühestens in Week 11 gegen Arizona (22. November) kann er zurückkommen.
Simmons' Verhalten war nicht in Ordnung, gerade bei einem Disziplin-Fanatiker wie Reid. Aber er hat sich entschuldigt, damit ist das für mich eine teaminterne Sache. Was mich mehr stört, ist die Kommunikation der Chiefs. Seit Wochen wird zu Simmons' Rücken kaum etwas gesagt, auf dem Injury Report stand „nicht verletzungsbedingt, persönlich“ – und so entstehen Gerüchte. Früher haben Mahomes und Kelce selbst erzählt, dass sie mal gemeinsam zu spät zum Training kamen. Diesmal überlässt man das Narrativ anderen, und das ist für einen Anfang-20-Jährigen keine gute Situation. Ob das Absicht ist, weiß ich nicht. Smart finde ich es nicht.
Viel Zeit zum Durchatmen bleibt nicht. Am Sonntag geht es um 22:25 Uhr deutscher Zeit nach Denver, in den USA endet am Wochenende die Sommerzeit. Es geht um die Tabellenführung in der AFC West: Gewinnen wir, haben wir eineinhalb Spiele Vorsprung auf die Broncos (5-2). Verlieren wir, ziehen sie an uns vorbei.
Das Hinspiel haben wir in Week 1 klar gewonnen, aber Denver ist seitdem ein anderes Team. Nach dem 2-2-Start und der Niederlage gegen San Francisco hat Sean Payton das Play-Calling wieder von Offensive Coordinator Davis Webb übernommen. Seitdem haben die Broncos dreimal in Folge gewonnen, zuletzt 30-16 in Arizona. Bo Nix lief dabei 62 Yards zum Touchdown, der längste Lauf seiner Karriere. Der Star bleibt aber die Defense, die als einzige in der AFC ähnlich spielen kann wie Seattle. Dazu kommt eine Statistik, die nicht gut aussieht: Mahomes hat seine ersten sechs Spiele in Denver gewonnen, die letzten drei aber verloren – zwei davon durch Last-Second-Kicks von Wil Lutz.
Was müssen wir also besser machen? Gegen den Passrush um Nik Bonitto den Ball schnell loswerden und Running Backs und Tight Ends nutzen, um den Druck zu neutralisieren. Lange dritte Versuche vermeiden. Walker muss wieder laufen, und wir müssen in die Redzone kommen und dort Touchdowns statt Field Goals machen. Auf der anderen Seite muss Nix in der Pocket bleiben und unter Druck kommen. Und weil Denver oft langsam ins Spiel startet, würde uns ein Score im ersten Drive enorm helfen.
Optimistisch bin ich trotzdem nicht. Ich glaube, diese Defense macht uns wieder viel Ärger, und am Ende verlieren wir 10-16. Im Podcast tippt nur Lara auf einen Sieg (17-15), Kolja sieht ein 17-21 und Ninia ein 17-23.
Auch wenn das Spiel schlecht war: Die Nacht in unserer WhatsApp-Gruppe der Chiefs-Fans aus dem Norden war ein Lichtblick. Ich würde gern wieder stärker zusammenbringen, was wir beim Deutschland-Spiel hatten, als über 200 Leute zu uns in den Hugendubel kamen und abends 400 Leute gefeiert haben. Wir bauen gerade Plattformen dafür auf: WhatsApp-Gruppen in den Regionen, regelmäßige Watch-Partys in Bars, die Football zeigen, und vielleicht wieder ein Forum. Dafür suchen wir Leute im Süden, Westen, Osten und Norden, die Lust haben, mitzuorganisieren und zu moderieren – mit Kritik, aber respektvoll und ohne unsere Spieler schlechtzumachen. Meldet euch gern bei Instagram unter Das Kingdom oder per E-Mail an info@daskingdom.de oder daniel@daskingdom.de.
Und noch etwas zum Mitmachen: Nohl Williams verdient sein eigenes Shirt. Bei Instagram und hier stimmen wir ab zwischen „Point of Nohl Return“ (Ninia), „Nohl Tolerance“ (Kolja), „Nohl Fly Zone“ (Daniel) und „Nohl Problemo“ (Lara).
Wie seht ihr das: Sind wir nach Seattle noch ein Super-Bowl-Contender? Und wen würdet ihr bis zum 10. November holen? Schreibt es uns in den Community Huddle.
GO CHIEFS!

















In Seattle war alles mist. Auch wenn Mahomes kaum Zeit hatte, er hat absurde pässe geworfen (öfters Knöchelhöhe, Zonen wo keiner war, sein Fumble /interception und und.. ) so schlecht hab ich ihn noch nie gesehen. Über Butker red ich nicht mehr. Er war mein Held in den letzten Jahren, aber seit letztem Jahr erkenne ich ihn nicht wieder. Für Denver seh ich schwarz. Die haben sich das Spiel auch genau angesehen und werden nicht nochmal so desolat auftreten wie im ersten Spiel! Der staff muss sich was überlegen! Auf der anderen Seite denk ich, Mahomes wird nicht noch einmal so ein Spiel abliefern wollen wie Sonntag Nacht! Hoffe das Rashee wieder am Start ist. Wir müssen das Spiel gewinnen, egal wie! Mit Noel und Emitt haben mir die jungen wilden gut gefallen.
Ich bin immer noch angefressen ob der Leistung in Seattle, sowas darf nicht nochmal passieren!!
Übrigens, das Spiel hat mich übelst hart an das SB Finale 25 gegen die eagles erinnert!!